Textauszug aus der Festschrift vom April 2001

1901-2001 TuS 01 Heessen-LAZ Hamm e. V.
EinHundertJahre

HoelterReck

1. Die Vereinsgeschichte
Text: Rita Kreienfeld
1.1 Die Rebellen von Heessen - die Vorgeschichte
Fotos: vereinseigen, Stadtarchiv Hamm
 

Um die Jahrhundertwende in dem stillen Heessen des vorindustriellen Zeitalters einen Turnverein zu gründen, kam einem revolutionären Akt gleich, der die bäuerliche Bevölkerung verunsicherte. Die Bauern konnten mit dem neumodischen Kram nichts anfangen, der dazu führte, dass die Jugendlichen sich eigenartig anzogen, komische Verrenkungen an den Geräten vollführten und auch noch Lieder schmetterten.

Vor vielen Jahren, vielleicht 1975, hat der letzte überlebende Gründer des Turnvereins seine Erinnerungen an die allerersten Schwierigkeiten des jungen Vereins aufgeschrieben. Bernhard Hölter berichtet:

"Ich könnte heute noch hochjubeln und jauchzen, wenn ich mich daran erinnere. Wir wohnten damals mit 10 Familien auf dem Sande, das war ganz früher mal ein altes Bauernhaus gewesen, welches der alte Besitzer ausgebaut hatte zu Wohnzwecken. Das Hauptgebäude war das Wohngebäude des Bauern Kaspar Schulte gewesen, der in den Heimshof eingeheiratet hatte, als einziges massiv gebaut. Hier wohnten vier Familien, die alte Scheune erhielt drei Wohnungen. Die drei übrigen Nebengebäude je eine Wohnung. Diese Gebäude waren alles alte Fachwerkhäuser. Hier aus diesem Gebäudekomplex entstand der erste Gedanke der hehren Turnerei in unserer Dorfgemeinde."

Bernhard Hölter legt Wert auf die Feststellung, dass das Turnen nicht im Dorf gepflegt wurde, sondern seinen Ursprung in einer Jungengruppe hatte, die aus gar nicht so besonders angesehenen Familien draussen auf dem Sande, der Geist und der Mattenbecke, stammten. Es waren etwa 40 Jungen, die ein Vorbild hatten.


"Es war Bernhard Hinnemann, der eine gute Anlage als Geräteturner hatte und auch das volkstümliche Turnen gut beherrschte. Daneben ist Gerhard Platte zu nennen, der mehr als Schwergewichtler im Stemmen und Ringen hervortrat, aber auch die kleinen Übungen an den Geräten immer mit guter Haltung turnte. Es waren übrigens beide untadelige Sportler. Sie waren uns anderen in sportlicher Beziehung weit voraus. Wir jüngeren betrachteten sie als unser Idol. Etliche Jahre vor 1900 waren sie zu dem Turnverein Eintracht Hamm turnen gegangen, weil in Heessen kein Turnverein war, also keine Gelegenheit und so waren beide, weil sie sehr sportlich ausgerichtet waren, auch in die Turnerfamilie der Eintracht Hamm aufgenommen worden."

Der Turnverein Eintracht Hamm bestand seit 1893 in Hamm-Norden. Die Turner trainierten in der Gastwirtschaft Flessenkemper an der Kreuzung Heessener Straße/Münsterstraße.
HoelterBarren

"Bernhard Hinnemann und Gerhard Platte war der Weg zu der Eintrachtfamilie nicht zu weit, sie kamen aus jeder Turnstunde mit fröhlichem Sinn und frohem Mut frisch gestärkt heim. Es ist tatsächlich so, in einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist. Das erste, was die beiden unternahmen war, daß sie sich auf dem Sande ein Reck bauten, wo man ohne Gefahr dran turnen konnte. Austenfelds hatten einen Garten, darin standen zwei alte knorrige Speckbirnbäume. Zwischen diesen beiden alten Bäumen war die Stange angebracht. Gerhard Platte, der Schlossermeister bei der Firma Schneider auf der Königstraße in Hamm war, verstand es, zusammen mit Bernhard Hinnemann, die Stange fachgerecht zu befestigen. Wenn man bedenkt, daß sie beide erwerbstätig waren und jeden Tag dreizehn Stunden unterwegs am Arbeitsplatz waren, war dies eine beachtliche Leistung. Wir Jungen bekamen, laufend unterrichtet, die schönste Darbietung, worüber wir ganz begeistert waren. So haben auch wir Jungen einen Einblick in die Anfänge des Turnens bekommen, das Turnreck bedeutete unsere Welt. So nahm allmählich der Gedanke seinen Fortgang, in Heessen auch so einen schönen Verein aufzubauen. Karl Baumjohann einer der älteren von uns, war der ‚Häuptling', der dann zum Sammeln rufen mußte. Schließlich waren wir schon eine ganz stattliche Zahl junger Männer vom Sande, der Geist und von der Mattenbecke, die sich unter der Führung von Karl Baumjohann überall trafen, es waren alles aufrechte Gleichgesinnte. Einmal war der Treffpunkt Franz Schiefenhövel, ein andermal Heinrich Meyer, der damals einen Schankwirtschaftsbetrieb und einen Düngemittelverkauf an die umliegenden Bauern tätigte. Die Weißenburg war zu der Zeit unsere Stammwirtschaft.
Diese jungen Männer, die in den großen Fabriken in Hamm, bei der Bahn und der Post arbeiteten, hatten ein großes Ziel. Sie wollten nicht nur turnen, sondern auch die Idee verkörpern, die hinter der Turnbewegung stand.

"Der gute Sportler mußte wie auch noch heute eine untadelige Führung aufweisen und nachweisen können. Für Menschen, die asozial veranlagt waren, war kein Platz in diesen Vereinen. Es waren damals noch ruhige Zeiten, in der die Menschen lebten. Friedrich Ludwig Jahn, der um das 18. Jahrhundert die turnerische Idee in unserem Vaterlande mit dem hehren Spruch ‚frisch, fromm, fröhlich, frei, Gut Heil', einführte. In der Hasenheide zu Berlin mit seinen Getreuen den Grundstein legte. Leider hat dieser begeisterte Turner viele Schwierigkeiten und Schikanen aus dem Weg räumen müssen. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat er ein Werk geschaffen, das alle Zeiten überdauert. Unter solchen widrigen Umständen ist auch unser Verein entstanden."